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Der Tod von Oma Lene

Veröffentlicht am 12.05.2020

Heute Morgen ist meine Oma Lene im Alter von 89 Jahren gestorben. Sie starb allein und einsam. Seit Mitte März durfte sie keinen Besuch durch ihre Familie mehr bekommen. Täglich weinte sie am Telefon und flehte uns an, sie raus zu holen. Meine Oma war einer der Menschen, die wir laut unserer Politiker vor dem Coronavirus schützen müssen. Meine Oma hätte gerne auf diese Art von "Schutz" verzichtet. Sie wusste, dass sie wahrscheinlich bald sterben wird. Sie hatte keine Angst vor einem Virus, das ihr Leben vielleicht um einige Wochen oder Monate verkürzt hätte. Sie hatte aber Angst davor, alleine zu sterben. Sie wurde zu" Isolationshaft" verdammt und hat unsäglich darunter gelitten, ihre Kinder, Enkel und Urenkel in den letzten Wochen ihres Lebens nicht mehr sehen zu dürfen. Was ist nur mit euch Menschen los, wenn ihr das "die Schwachen schützen" nennt? Menschen, deren Lebenserwartung durch Alter oder Krankheit nicht mehr sehr hoch ist, werden sterben, mit oder ohne Corona. Ja, das ist traurig und bitter, aber es ist die Realität. Rechtfertigt es das Leben dieser Menschen um einige Wochen oder Monate zu verlängern, indem man dafür das Leben vieler anderer zerstört durch Existenzverlust, Jobverlust, Verlust des Eigenheims, durch seelische und körperliche Gewalt im eigenen Zuhause? Es heißt immer, diese Frage dürfe man aus ethischen Gründen nicht stellen. Ich stelle sie trotzdem, denn ich habe nicht gesehen, wie all diese Maßnahmen meiner Oma geholfen hätten, obwohl wir doch vorgeben, dies alles für Menschen wie sie zu tun.

Eigentlich können wir dankbar sein, dass unsere Oma nun an einem besseren Ort ist und sie nicht weiter dabei zusehen muss, wie das Land, das sie nach dem Krieg mühevoll für ihre Kinder und Kindeskinder wieder mit aufgebaut hat, nun zugrunde gerichtet wird. Hat denn eigentlich mal irgendjemand unsere Alten gefragt, was sie davon halten, dass wir für sie die Wirtschaft unseres Landes gegen die Wand fahren und alles, wofür sie so hart gearbeitet haben, nun wegwerfen? Und ob sie mit ihrer Isolationshaft einverstanden sind? Seit wann sind Alte und Kranke auf einmal unmündig und rechtlos? Es ist erst wenige Wochen her, seit wir vom Bundesverfassungsgericht erfahren haben, dass ein jeder das Recht hat, sein Lebensende selbst zu bestimmen. Dazu muss er nicht einmal unheilbar krank sein. Heute klingt das geradezu zynisch, denn sich dem Risiko auszusetzen, eventuell an einem Virus zu erkranken, an dem man unter Umständen stirbt, scheint davon ausgenommen zu sein. Ich bin nicht für Sterbehilfe, aber ich bin einfach nur entsetzt darüber, wie unsere Grundrechte mit Füßen getreten werden und die Mehrheit der Menschen scheint damit auch noch einverstanden zu sein.

Meine Oma hat keine Stimme mehr, die sie erheben kann, aber ich kann das für sie tun und auch für all die anderen alten und kranken Menschen, die momentan in Pflegeheimen oder Krankenhäusern gegen ihren Willen in Isolationshaft sitzen. Wenn wir warten bis die glückseligmachende Impfung erfunden ist, werden sie wahrscheinlich alle tot sein. Wollen wir wirklich zulassen, dass sie wie meine Oma allein und einsam sterben? In Deutschland sterben täglich ca. 900 Menschen in Alten- und Pflegeheimen...Ist das unser Verständnis von Solidarität und Nächstenliebe?

Ich bin einfach so traurig und wütend darüber, wie meine Oma sterben musste. Nun hoffe ich, dass wir uns wenigstens bei der Beerdigung von ihr verabschieden und ihr die letzte Ehre geben können, doch auch das ist bei der momentanen Lage noch ungewiss...

 

Von Sandra für ihre Oma im Mai 2020