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Erfahrungsbericht aus dem hausärztlichen Notdienst

Veröffentlicht am 10.04.2020

Am Sonntag, den 29.3. war ich im 24-h Fahrdienst des hausärztlichen Notdienstes für die Region Tübingen West, um mir ein Bild über die Situation der Menschen zu machen. Der Fahrdienst muss wegen der hohen Nachfrage nun durch insgesamt 3 Ärzte gestemmt werden. Daneben gibt es tagsüber auch die Fieberambulanz und ein Abstrich-Drive-in. Die Rettungsleitstelle wird vorwiegend und unentwegt durch tief verunsicherte und ängstliche Menschen angerufen. Diese armen Mitmenschen leiden beispielsweise unter Geruchsverlust, Halskratzen, Husten oder ähnlichem und befürchten das Schlimmste. Nachdem ich am Vormittag einige Schmerzpatienten (Gallenkolik, Dorsolumbalgie) behandelt hatte, war ich vom frühen Nachmittag bis spät in die Nacht damit beschäftigt, Menschen zu beruhigen. Viele hatten keine Atemwegssymptome sondern Durchfall und Erbrechen. Dann auch hohen Blutdruck und verschiedene andere Arten der Somatisierung. Zwei jüngere Patienten hatten in der Tat hohes Fieber und trockenen Husten, davon eine 40-jährige Frau mit endinspiratorischen Rasselgeräusche. Alle waren sie stabil, die Sauerstoffsättigung gut. Zwei sehr kranke Patienten mussten über die Fieberambulanz ins UKT eingewiesen werden.

 

Welche Begriffe kamen mir durch die gestrigen Beobachtungen: die Menschen wirken absolut überfordert. Ihre Hausärzte mussten die Praxis zum Teil wegen C* Nachweis für mehrere Wochen schließen und sind nicht mehr verfügbar. Die Haltung der Menschen entspricht der von Tieren mit Todesangst. Sie befinden sich gewissermaßen im Dauerzustand eines Totstellreflexes und erwarten gewissermaßen ihr Ende. In der psychosomatischen Forschung wird der Totstellreflex im Vergleich zum Fluchtreflex als ein ungünstiges, parasympathisch geprägtes Reaktionsmuster beschrieben. Sie wissen nicht wie sie reagieren sollen, was sie tun sollen, was mit ihnen passieren wird. Bombardiert von Schreckensbildern aus den Nachrichten, der Zahlenflut und der nicht verständlichen Flut an medizinischem Spezialwissen verharren sie handlungsunfähig in ihren Wohnungen. Um die fieberhaft Erkrankten ist eine schwer erträgliche Dunkelheit und Verzweiflung, die sich sofort auf den Arzt überträgt (vielleicht ein Hinweis auf die besondere seelische Kontagiösität dieser Krankheit). Die Hilflosigkeit in der Behandlung von grippalen Infekten mit einfachen Hausmitteln kommt bei vielen noch mit dazu. Es herrscht eine Beklemmung, die sich bei der Mehrzahl der Patienten in subjektiven Atembeschwerden äußert, ohne dass sie nennenswert krank wären. Dankbar nehmen die Menschen beruhigende und stärkende Worte auf, sie freuen sich sehr über den Arztbesuch, der ja oft der einzige Besuch ist, den sie seit langer Zeit hatten. Die Atembeschwerden sind danach erstmal nicht mehr vorhanden.

 

Liebe Leser, ich frage Sie, ob das wirklich ein Weg sein kann? Was passiert hier? Sind wir nicht alle einer Massenhypnose verfallen? Einem medialen Krieg gestützt durch die verrückte Fülle an Zahlen und vermeintlichen Zusammenhängen, die wir präsentiert bekommen? Ist das der Beginn des Transhumanismus? Übernehmen Statistiken und Experten nun die Macht über unseren Alltag? Wir dürfen rauchen und saufen, aber an einer Lungenentzündung dürfen wir nicht sterben. Die Menschen werden jetzt seelisch lebensbedrohlich krank. Man hat ihnen die Kirchen, die Bildungseinrichtungen, die Kultur, das soziale Miteinander, manchmal auch ihre Existenz genommen… Sie merken, ich bin wirklich erschüttert über das seelische Elend, dass ich in diesem Dienst erlebt habe. Hunderttausende Menschen sind nun einer extremen psychischen Belastung ausgesetzt... Ich verstehe es nicht und die Menschen verstehen es auch nicht…